Warum jeder ein bisschen Backpacker sein sollte

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Ja, ich weiss was jetzt viele denken: Backpacker, das sind doch die jungen Rucksacktouris ohne Geld in der Tasche, eine Woche das selbe T-Shirt an und sich Nachmittags zum „Frühstück“ schon ein Bier aufmachen.

Ja solche Tage kann es im Leben eines Backpackers durchaus auch mal geben. Aber das ist eben nur ein kleiner Teil von dem, was einen „echten“ Backpacker ausmacht.

Zunächst gibt es keine Altersgrenze, um mit Rucksack durch die Welt zu ziehen. Klar, der Großteil der Nomaden ist in den Zwanzigern oder sogar noch jünger. Aber ich habe auf meiner Reise wirklich alle Altersgruppen in den Hostels dieser Welt getroffen. Bis hin zur 75-Jährigen Oma, die daheim 2 Generationen großgezogen hat und auf ihre alten Tage nochmal was erleben wollte.

Auch muss man nicht den ganzen Tag „chillaxen“ oder Bier trinken. Gerade als Backpacker hat man die Chance viele verschiedene Orte und Plätze zu sehen. Das ist quasi Sightseeing 2.0. Und wer nicht jeden Abend Party machen möchte, findet in den meisten Herbergen auch ein ruhigeres Plätzchen.

Abseits unserem stereotypischen Schubladendenken hat eine Reise als Rucksacknomade schier unendlich viele Qualitäten und Möglichkeiten zu bieten, von denen sich, meiner Meinung nach, jeder eine Scheibe abschneiden kann und in sein „alltägliches Leben“ transportieren sollte.

Aber was sind das für Eigenschaften? Was macht das Reisen mit dem Rucksack so speziell? Ich war genau 367 Tage mit meinem mobilen Kleiderschrank unterwegs. Da vermisst man schon mal Freunde und Familie. Man könnte auch denken, so ein Jahr durch die Weltgeschichte, da kann es zwischenzeitlich ganz schön einsam werden. Aber weit gefehlt. Auch wenn natürlich niemand die Liebsten von daheim ersetzten kann, ist es eher so, dass ich mir die ruhigen und „einsamen“ Momente bewusst suchen musste. Denn ich bin ein Mensch der auch mal gerne alleine mit sich ist. Doch das muss nicht sein. Versteckt man sich nicht bewusst hinter seinem Laptop oder in der hintersten Ecke, kann man sich dem Hosteltreiben kaum entziehen. Als Backpack-Novize war ich überrascht von der großen Zahl an Solo-Tavellern. Mein Eindruck war, dass über die Hälfte der Hostel-Besucher alleine unterwegs waren. Genau das macht den sozialen Kontakt so einfach. Während man in der Gruppe meist unter sich bleibt, kommt man als einzelne Person praktisch automatisch und ganz natürlich mit Gleichgesinnten in Kontakt.

Und das ist exakt das, was ich meine. Backpacker sind eine große Familie. Im Idealfall versteht sich. Wie in jeder Familie gibt es auch hier schwarze Schafe. Aber im Großen und Ganzen halten wir zusammen, man hilft sich untereinander. Denn man ist sich bewusst, dass wir alle im selben Boot stecken. Jeder giert nach Informationen, wodurch ein Netzwerk aus Empfehlungen für die nächste Sightseeing-tour, das nächste Hostel oder sogar die weitere Routenplanung entsteht. Jeder hat auch mal eine brenzlige Situation zu überstehen oder weiss gerade nicht weiter. Auf die Backpackergemeinde ist Verlass, keine Sorge. Genau diese Art von Nächstenliebe, würde jeder Gemeinschaft/Gesellschaft gut zu Gesicht stehen. Eine Gemeinde die aufeinander zu geht, keine Vorurteile hat und sich dem typischen Bewertungssystem bzw. Schubladendenken entzieht.

Dabei ist ganz besonders interessant zu beobachten, dass viele  Mitglieder der Backpackergemeinde ja gerade diesen Gesellschaften entspringen, die hier angesprochen werden sollen. Das beste Beispiel sind die Deutschen. „The Germans are everywhere“, heisst es allerorts. Und ja, wir sind ein Reiseland, das auch in der Backpackerszene sehr frequentiert vertreten ist. Hört man sich an, wie wir Deutschen im weltweiten Ausland betrachtet werden, dann verwenden die meisten Attribute wie pünktlich und organisiert, aber auch ernst, humorlos, streng, kühl. Entgegen dieser Einschätzung waren aber die meisten deutschen Backpacker die ich kennenlernen durfte genau das Gegenteil von kühl, humorlos und ernst. Eine gewisse Pünktlichkeit ist natürlich nicht von der Hand zu weisen (im Vergleich zu vielen anderen Kulturen mag das aber nicht viel heissen), aber deutlich wird, dass das deutsche Nomadenrudel sich in fremder Umgebung ganz anders verhält als in heimischen Gefilden.

Das kann natürlich mehrere Gründe haben. Zum Einen, werden vielleicht genau die von den Vorteilen des Backpackens angezogen, die schon in Deutschland etwas außerhalb der „Norm“ denken und handeln. Zum Anderen, kann eine solche Reise auch neue Perspektiven aufzeigen und einen Menschen verändern. Dabei muss das keine 180 Grad-Wendung sein. Manchmal reicht auch nur eine kaum wahrnehmbare Winkelveränderung. Doch Vorsicht! Die neugewonnene Freiheit kann schnell wieder verschwinden im tristen Alltagsleben!

Was bleibt also hängen? Die Welt ist ein solch wunderschöner, herrlicher, mystischer, kraftvoller Ort, den man ein Leben lang entdecken kann. Wieso machen wir diesen phantastischen Fleck nicht so lebenswert wie möglich? Als Menschen im Einklang mit den universellen Gegebenheiten! Auf einem Planeten mit dem natürlichen Recht auf Glück(-seeligkeit). Einem Ort an dem man sich nicht gegenseitig zerstört, sondern unsere unglaubliche Vielfalt schätzen und lieben lernt.

Ein bisschen Backpacker sein würde jedem gut tuen und vielleicht dabei helfen, einen solchen Ort zu erschaffen…

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