Die mediale Abseitsfalle – Alles eine Frage des Zeitpunkts

Abseits ist, wenn der Schiedsrichter pfeift

In der Bundesliga-Saison 2015/2016 gab es in allen 306 Spielen insgesamt 1339 Verstöße. Das macht 4,38 pro Spiel! Es ist der Feind des Angreifers und oft der letzte Hoffnungsschimmer für die Verteidiger. Manuel Neuer reklamiert bei jedem Gegentreffer instinktiv. Die holländische Stürmerlegende Marco van Basten will es in seiner Funktion als FIFA-Direktor sogar ganz abschaffen.

Die Rede ist vom Abseits! Viel diskutiert sorgt es, vom Kreisligakick bis hin zu den großen Champions-League-Duellen, für reichlich Zündstoff. Ob auf der Couch, zu Hause oder auf dem Dorfplatz nebenan. Das Winken des „Assis“ wird oft wortgewaltig in Frage gestellt. In den unteren Klassen wird der Linienrichter oder politisch korrekt, Schiedsrichter-Assistent, gerne mal von den Alteingesessenen bepöbelt. Da heisst es dann: „Heb mal deine Fahne hoch, du Blinder!“ oder „Hast du einen steifen Arm, niemals war das Abseits!“. Beweise können hier nicht geliefert werden. Alles beruht auf der Tatsachenentscheidung.

Ganz anders sieht es da aus, wo es um einen Haufen Kohle geht. Wo zig Kameras, 18-tausend Standbilder liefern und mit Hilfe der virtuellen „Abseitslinie“, das endgültige Urteil gefällt wird. Ist die Fußspitze ein Tick zu weit vorn? Ist Spieler XY passiv oder greift er aktiv ins Geschehen ein? Jede strittige Szene wird medial regelrecht auseinandergenommen. Das gipfelt in den montäglichen Analyseshows, wo Olaf Thon und Konsorten ihren Senf dazu geben. Natürlich wird immer wieder betont, wie schwer es das Schiedsrichterteam doch hat. Schließlich müssen sie sich sofort und ohne technische Hilfe festlegen. Am Ende wird dann aber trotzdem bei jeder noch so knappen Entscheidung der Daumen hochgehoben oder gesenkt.

Neben dem Handspiel, wohl die am meisten diskutierte des gesamten Regelwerks

Ich möchte hier keine Diskussion über die Regeln des Abseits führen. Mir geht es um die mediale Aufarbeitung der strittigen Szenen. Denn diese stelle ich an einem entscheidenden Punkt in Frage: den Moment der Ballabgabe. Das wir uns nicht falsch verstehen, ich halte die gegenwärtige „Abseitsanalyse“ als völlig legitim und beste Methode um zu entscheiden, Abseits ja oder nein. Mit der modernen Technik kann man sich vom besten Blickwinkel und der virtuellen Abseitslinie anschauen, ob der Angreifer tatsächlich im strafbaren Raum stand. Und dieser Technik muss man dann auch Glauben schenken, auch wenn ich zu bedenken gebe, dass diese nicht immer fehlerfrei ist (siehe z.B. beim Tennis in der Anfangszeit des Hawk Eyes, das nicht immer den 100% exakten Ballabdruck gezeigt hat).

Regel 11 – Abseits

Der Moment der Ballabgabe bleibt neben der Stellung des Stürmers zu diesem Zeitpunkt das wichtigste Kriterium in der Abseitsfrage. Denn wie jeder Mann seiner Frau verzweifelt versucht beizubringen: Im Moment der Ballabgabe darf der Stürmer nicht näher zum gegnerischen Tor stehen als die beiden letzten Verteidiger (und nein, dass soll hier kein Seitenhieb auf Frauen und Fußball sein;) )

In der Regel 11, die das Abseits beschreibt, heisst es im DFB-Regelbuch zum Zeitpunkt der Abseitsbewertung:

„Ein Spieler wird nur dann für seine Abseitsstellung bestraft, wenn er nach Ansicht des Schiedsrichters zum Zeitpunkt, zu dem der Ball von einem Mitspieler berührt oder gespielt wird, aktiv am Spiel teilnimmt {…}“

Das „Wann“ ist relativ

Das lässt meiner Meinung nach wieder etwas Spielraum. Bewertet man bei einem Pass nun Zeitpunkt der Ballberührung oder Zeitpunkt des Passes? In meinem intuitiven Verständnis der Regel war schon immer der Moment des Passspiels entscheidend. So kann man es aus der Regel völlig legitim ableiten, da es heisst, zu dem Zeitpunkt in dem er gespielt wird. Nimmt man also den Zeitpunkt des Passspiels als Referenz, muss für mich der Ball den Fuß des Passgebers verlassen haben. Erst dann können die Schiedsrichter die Ballabgabe als solche erst wahrnehmen. Der exakte Moment für das Standbild mit der Abseitslinie wäre für mich der Moment, in dem der Ball gerade so den Fuß des Passgebers verlassen hat.  Genau das ist mein Kritikpunkt: Oftmals meine ich wahrzunehmen, dass das Bild angehalten wird, wenn der Fuß den Ball noch berührt. Diese Millisekunden Unterschied ergeben ganz neue Situationen. Wie oft, gerade bei gegensätzlichen Bewegungen von Stürmer und Abwehrspieler, kommt es auf diesen Bruchteil einer Sekunde an? Die FIFA zeigt unter Regel 11 einige Beispielbilder, die meine Interpretation zum Zeitpunkt der Bewertung eher bestätigen. Auf diesen Standbildern hat der Ball meist den Fuß schon verlassen. Allerdings mischen sich auch Bilder darunter, wo der Ball noch am Fuß ist.

Generelle Grauzone?

Vielleicht interpretiere ich zuviel in diese Frage hinein, immerhin beruht sich meine Kritik auf ein subjektives Wahrnehmen der Situationen und keiner exakten Analyse. Vielleicht ist mein Verständnis der Regel auch falsch. Vielleicht ist aber die Frage nach dem Wann? nicht nur ein Problem der medialen Analyse, die so selbstverständlich angewendet wird, dass wir sie gar nicht mehr hinterfragen. Insbesondere der Moment der Ballabgabe wird so gut wie nie betrachtet. Vielleicht ist sie ein generelles Regelproblem, das ähnlich wie die Handspielregel gar nicht so exakt beschrieben ist, wie wir eigentlich denken.

Liege ich mit meiner Interpretation der Regel, vor allem bei der Wann-Frage richtig, sollte man die Standbilder bei der Bewertung häufiger hinterfragen und gerade bei sehr knappen Entscheidungen minutiös auf den Zeitpunkt der Ballabgabe achten.

 

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