Himalaya Teil II – Dem Himmel so nah

Tag 4 – Abschied nehmen: Von Tadapani (2647m) nach Chomrong (2130m)

Bereits am Abend zuvor musste ich mich von Andrea und Babu verabschieden. Die beiden mussten noch vor Sonnenaufgang aufbrechen, um noch am selben Tag Kathmandu erreichen zu können. Natürlich ging Andrea nicht ohne einen Abschiedsgruß zu hinterlassen. Als ich etwas später am Morgen zaghaft meine Zimmertür aufmachte, lag ein Zettel in meinen immer noch feuchten Wanderschuhen. Wie konnte es anders sein, darauf zu lesen war die Zahl 200. Die Zahl also, die uns die letzten Tage immer wieder ein Schmunzeln auf die Lippen brachte: 200 Stufen also nur noch…dann ist es ja gar nicht mehr so weit. 😉

Nach dem Frühstück hieß es dann auch Abschied nehmen von den beiden Mädels Laura und Teresa. Kumar und ich waren von nun an auf uns allein gestellt. Wir brachen gegen 9 Uhr auf, die Stufen hinunter. Ihr habt richtig gehört, es ging ein langes Stück steil bergab. Das schmerzte nicht nur in meinen morschen Knien. Man fragt sich auch, warum zum Teufel man so lange die Stufen hinunter gehen muss, wenn man doch eigentlich noch gut 2.000 Höhenmeter nach oben muss? Du kannst dir sicher sein, die Meter die du hinunter wanderst, darfst du dich nochmal extra hoch schleppen. Und so war es dann auch. Wir kamen an einer riesigen Hängebrücke an, die gleichzeitig als Startpunkt für den Aufstieg fungierte. Ich hatte keinen guten Tag erwischt und musste wie ein Walross schnaufen. Jeder Schritt war eine Qual. Die Hitze tat ihr übriges dazu. Ich war heilfroh als wir endlich Mittagspause machten. Ein bisschen Dhal-Bhat-Power konnte jetzt wirklich nicht schaden. Dazu genoss ich einen herrlichen Blick auf die umliegenden „Hügel“ und eine kleine Brise, die meinen durchgeschwitzten und geschundenen Körper ein wenig kühlen konnte.

Nach der Pause wurde es, Gott sei Dank, leichter. „Nepalese flat“ war wieder angesagt, also leicht bergauf und bergab. Nach einem kleinen Cola-Zuckerschub, gesellte sich ein vierbeiniger Freund zu Kumar und mir. Ein Hund folgte uns von nun an auf Schritt und Tritt. Doch der neue Kollege brachte uns bald schon in Gefahr. Wir mussten nämlich an 2 Büffeln vorbei, die am Wegesrand grasten. Gerade als wir die beiden passiert hatten, gingen sie auf den Hund (und somit auch auf uns) los. Ich hörte Kumar nur noch schreien „Renn!“ Wir nahmen unsere Beine in die Hand, um vor den gehörnten Monstern zu fliehen.

Die Lungenflügel brannten nach diesem 100m-Lauf, der wohl selbst Usain Bolt vor Neid erblassen lassen würde. Zu guter Letzt wartete dann auch noch ein steiler Anstieg auf uns zu. Der war aber bald geschafft (wenn auch unter größter Mühe) und wir erreichten endlich unser Ziel Chomrong. Das letzte größere Dörfchen auf dem Weg zum Basislager hat sogar eine deutsche Bäckerei. In unserem Domizil für die Nacht bekam ich endlich mal wieder einen richtig guten Kaffee. Cappuccino um genau zu sein. Den genoss ich nach einer eiskalten Dusche in vollen Zügen, bevor ich mich um eine Internetverbindung bemühte. Es war schließlich der Tag, an dem meine lieber Cousin Philipp seinen 30. Geburtstag feierte. Alles Gute, du alter Sack! 😛

Zum Abendessen gab es völlig überraschend Dhal Bhat. Im TV lief Wrestling. Die Nepalesen scheinen auf die Showkämpfe abzufahren. Naja, vielleicht wird Tim Wiese ja bald ihr neuer Volksheld. Müde und zufrieden legte ich mich schlafen und träumte von den Früchten meiner Qualen, dem Annapurna Basislager. Es sollte sich mehr als lohnen…

Tag 5 – Von den Hügeln in die Berge: Von Chomrong (2130m) nach Himalaya (3567m)

Doch es standen noch eine lange Wegstrecke und um die 2.000 Höhenmeter zwischen uns und dem Basecamp. Der letzte Zwischenstopp sollte uns zu einem kleinen „Örtchen“ mit dem passenden Namen Himalaya führen (wenn man bei 3 Häusern von „Ort“ sprechen kann). Zunächst mussten wir ein wenig bergab wandern und uns an einer Herde Büffeln vorbeischleichen. Das ging ohne vierbeinige Begleitung auch ganz gut. Dann lag der erwartet schwere Anstieg vor uns. Bei leichtem Nieselregen fiel es mir an diesem Tag aber um einiges leichter. Trotzdem hatte ich auch dieses Mal nichts dagegen ein kleines Päuschen einzulegen und meinen Körper mit Dhal-Bhat-Power, Cola und Kaffee aufzutanken. Wir waren noch etwa 2,5 Stunden von unserem Tagesziel entfernt. Davon war ein Großteil des Weges super schön und „Nepalese flat“. Immer wieder passierten wir Wasserfälle und mussten über Holzbrücken balancieren. Ganz besonders schön war die entspannende Stille. Nur selten kamen uns andere Wanderer oder Einheimische entgegen. Da blieb viel Zeit die herrliche Natur aufzusaugen und die Ausblicke zu genießen. Wie mir Kumar berichtete, sieht das in der Hauptsaison ganz anders aus. Da muss man sogar froh sein, wenn im anvisierten Teehaus überhaupt noch ein Bett frei ist.

Die Sonne ließ sich auch wieder blicken, zu Lasten meiner Schweißdrüsenaktivität. Der Schatten der Bäume war da mehr als willkommen. Zumal jetzt der härteste Teil des Tages auf uns zu kam. Bis nach Himalaya hieß es nur noch Stufen, Stufen und nochmals Stufen. Und zwar von der steilsten Sorte. Auch wenn die Beine schmerzten und der Muskelkater grüßte, war ich bestens gelaunt. Wir lagen gut in der Zeit und erreichten Himalaya schon gegen 14:30Uhr. Genug Zeit die Füße hochzulegen und mich auf die letzte Etappe vorzubereiten. Ich gönnte mir eine warme Dusche und murmelte mich in mein Bett ein. Mein Winterschlaf wurde nur von einer kurzen, aber wie immer sehr nahrhaften Dahl-Bhat-Session unterbrochen.

Tag 6 – Hinauf zum Basecamp: Von Himalaya (3567m) zum Annapurna Basecamp (4130m)

Der Tag der Tage war angebrochen, das Ziel vor Augen! Heute würden wir endlich den höchsten Punkt unserer Reise erreichen und uns für die ganze Arbeit belohnen. Auf zum Basecamp auf 4130m Höhe! Noch nie in meinem Leben war ich der Sonne so nah.

Das 1. Teilstück war recht knackig, mit einigen sehr steilen Rampen, bevor wir uns nach ca. 1,5 Stunden eine kurze Tee-Pause genehmigten. Von da an war der Weg recht angenehm. Ich merkte so langsam, dass sich die Landschaft verändert. Von den dicht bewachsenen Wäldern und der tropischen Hitze war nicht mehr viel zu sehen bzw. zu spüren. Es ging endlich zu den richtig dicken Brocken. Da konnte selbst Kumar nicht mehr von Hügeln sprechen. Entlang eines reissenden Flusses (a.G. der Regenzeit) wanderten wir zwischen dieser unwirklichen Berglandschaft, unserem Ziel entgegen. Natürlich kam es noch einmal knüppeldick. Alles andere wäre schließlich auch zu einfach gewesen. Wir wollten beim Machapuchare Basecamp Rast machen und zu Mittag essen. Doch zwischen dem Basislager des knapp 7.000m hohen Machapuchare und uns lagen noch jede Menge ziemlich steiler Stufen. Eines der härtesten Abschnitte endete auf 3.400m und einem sehnsüchtig erwarteten Teller voller Dhal Bhat. Nun war es fast geschafft. Aber eben nur fast. Irgendwie mussten die restlichen 700 Höhenmeter noch bewältigt werden. Aber alles zu seiner Zeit. Ich tankte noch ein wenig Energie und sonnte mich, bei strahlendem Sonnen schein auf der Terrasse des Teehauses. Dabei unterschätze ich die Kraft der (nun etwas näheren) Sonne völlig. 5min reichten und ich hatte Sonnenbrand auf den ansonsten schneeweißen Oberschenkeln. 😀

Voller Vorfreude gingen wir die letzten Meter an. Pünktlich fing es an leicht zu nieseln, was für die kommenden Anstrengungen aber mehr Segen als Fluch war. Und da lauerte es auch schon. In der Ferne konnten wir die ersten Dächer erkennen, bis ich wenig später etwas wunderschönes sah. Es war das schönste Schild, das ich je gesehen habe. Darauf stand geschrieben: „Namaste Amazing Annapurna Basecamp“. Ein Traum! Es war vollbracht!!!

Im Basecamp gibt es praktisch 2 Seiten. Auf der einen sieht man u.a. Annapurna I, der zehnthöchste Berg der Welt und der am wenigsten bestiegene 8.000er, da er zu einem der gefährlichsten zählt. Kumar meint, nach dem K2 sei er der zweitgefährlichste zu besteigene Gipfel. Auf der anderen Seite liegt u.a. der Gipfel des Machapuchare, der sog. „Fischschwanz“. Zusammen mit den umliegenden Bergmonstern ergibt das einen 360° Panoramablick, reihenweise gespickt mit 6,7 und 8.000er-Riesen. Man braucht jedoch auch ein wenig Glück mit dem Wetter, um die perfekte Aussicht zu bekommen. Tags zuvor war es scheinbar so schlecht, dass man kaum etwas sehen konnte und viele Wanderer einen Tag länger im Camp blieben.

Wir konnten schon am Nachmittag einen ganz guten Blick auf die Machapuchare-Seite erhaschen und auch der Annapurna I lugte ein wenig zwischen den Wolken hervor. Mein Fotoapparat glühte. Unglücklicherweise gab es dort oben keine Möglichkeit meinen Akku aufzuladen. Wegen der Kälte hielt dieser nicht so lange wie gedacht (und wohl auch wegen der Millionen Fotos). Ich versuchte mit meiner Körperwärme noch etwas herauszuholen. Im einzig etwas beheizten Raum, dem großen Speisesaal, trank ich einen leckeren Tee und wartete auf mein Abendessen. Nein, kein Dhal Bhat, sondern Spaghetti mit Thunfischsoße. Ein bisschen Abwechslung, zurück gehts ja meist bergab und ich brauche nicht ganz so viel Energie…

Es wurde langsam dunkel im Camp und die Temperatur näherte sich bedrohlich der 0-Grad-Grenze an. Glücklich legte ich mich schlafen, immer noch alle warmen Klamotten an und die dicke Wolldecke über mich geworfen. Hoffentlich ist es morgen früh klar und wir haben einen guten Blick auf die Gipfel, betete ich…

Tag 7 – Der Tag der Tage: Vom ABC (4130m) zurück nach Upper Sinuwa (2253m)

Das Wunder begann schon kurz nach Mitternacht. Ich lag unter der warmen Decke (den Akku vom Foto immer noch in der Tasche), als der Worst Case eintrat. Die Blase drückte. Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und musste Wohl oder Übel in die Kälte hinaus. Ich schaute gen Himmel und war heilfroh über meinen Harndrang. 😉 Ich wollte schon fragen wer das Licht angelassen hat. Noch nie zuvor hatte ich so viele Sterne gesehen. Sie schienen zum Greifen nah. Trotz einsetzender Nackenstarre konnte ich meinen Blick einfach nicht abwenden. Am liebsten hätte ich das Bild eingefroren. Doch das Einzige das fror war ich und so zog es mich dann doch wieder unter die warme Decke. War der klare Nachthimmel ein gutes Omen für den Morgen?

Eindeutig ja. Als die Sonne aufging war es, als hätten die Wolken aufgehört zu existieren. Rund herum ein glasklarer Blick. Besser hätte man ihn sich nicht malen können. Ich wusste nicht mehr wohin zuerst blicken. Der Auslöser meiner Kamera klickte sich heiss, bis der Akku endgültig seinen Geist aufgab. Aber zu diesem Zeitpunkt hatte ich alles schon in x-facher Ausführung im Kasten. Was für ein Glück! Kumar meinte noch zu mir, um diese Jahreszeit ist es normalerweise eher bedeckt…

Gut gelaunt genoss ich meinen Kaffe vor der Traumkulisse und versuchte die Aussicht in meine Netzhäute einzubrennen. Nach dem Frühstück war es aber an der Zeit dem Camp Lebewohl zu sagen. Der Abstieg begann. Zuerst den gleichen Weg zurück, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass es jetzt zumeist bergab geht. Es war ein langer Tag. Wir liefen bis nach Upper Sinuwa und ließen dabei MBC, Himalaya und Bamboo hinter uns. Hinauf hatten wir für diese Strecke 2 Tage gebraucht. Der Sonnenschein hielt, wie so oft in den letzten Tagen, nur bis zur Mittagszeit. Die Nachmittagsstunden waren meist verregnet. Heute hatten wir einen besonders regnerischen Tag erwischt. Nach einem kurzen aber knackigen Aufstieg von Bamboo nach Sinuwa, brachen wir unsere Wanderung dort völlig durchnässt ab. Nach mehr als 8 Stunden und schmerzenden Beinen, war ich heilfroh mich endlich ausruhen zu können.

Tag 8 – Steil bergab: Von Upper Sinuwa (2253m) nach Jinhu (1700m)

Von Sinuwa liefen wir mit einem sehr netten australischen Pärchen und ihrem witzigen Guide weiter, auf die wir schon im Basecamp trafen. Heute lag ein gemütlicher Tag vor uns. Lediglich 3 Stunden auf der Strecke, mit nur einem Anstieg hinauf nach Chomrong, wo wir von Tag 5 auf Tag 6 übernachteten. Dort wurde natürlich erneut der leckere Cappuccino gekostet und nochmal ein Blick auf die schneebedeckten Berggipfel geworfen. Es ging wieder in die „Hügel-Region“. Wenig später waren wir dann in Jinhu, von wo aus wir nach dem Mittagessen zu den heissen Quellen laufen wollten. Doch der Ausflug fiel sprichwörtlich ins Wasser. Es war eben immer noch Regenzeit.

So blieb reichlich Zeit zur Erholung und Erinnern an die unvergesslichen Tage im Himalaya Gebirge. Morgen brach der letzte Tag an. Zurück ins Touri-Städtchen Pokhara und dann nach Kathmandu. So langsam fing ich auch an zu realisieren, dass meine Reise wirklich bald vorbei sein würde…

Tag 9 – Goodbye Himalaya: Von Jinhu (1700m) über Nayapul (1127m) nach Pokhara

Das wirklich, definitiv, endgültig, allerletzte Teilstück war angebrochen. Es ging sehr gemütlich zurück zum Startpunkt in Nayapul. Kaum zu glauben, dass vor 9 Tagen hier alles began. Stolz und Wehmut überkam mich. Aber auch eine gute Portion Erleichterung es geschafft zu haben. Die letzten Tage waren anstrengend, aber es hat sich definitiv gelohnt!

Von Nayapul nahm ich mit Kumar den Bus zurück zu unserem Hotel. Es war vollbracht! Noch eine Nacht in Pokhara, dann fuhren wir in der Früh in die Hauptstadt zurück. Satte 9 Stunden brauchten wir dieses Mal.

Es war so gut wie vorbei. Zwei weiter Nächte im altbewährten Hostel in Kathmandu, dann musste ich die Heimreise antreten. 367 Tage nachdem ich in den Flieger von Frankfurt nach Reykjavik stieg. Unglaublich, wie schnell diese wahninnig intensive Zeit verging. Mit einer Zwischenlandung in Muscat brachte mich Oman Airways sicher auf deutschen Boden zurück.

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