Himalaya Teil I – Hinauf per Treppenlauf

Der Himalaya-Poon Hill-Panoramablick

Lasst uns in die Bergwelt eintauchen

Viel Zeit blieb nicht, mich im „wirklichen“ Leben nach der „Klosterwoche“ zu akklimatisieren. Ich musste noch an dem Tag meiner Rückkehr nach Thamel, um die letzten Details meiner Tour klären, bevor mich Kumar, mein Guide für die nächsten 10 Tage, bereits um 6:30 Uhr am nächsten Morgen abholte. Per Bus ging es ins 200km entfernte Pokhara, dem Touristenort, an dem jedes Trekking im Annapurna-Gebiet beginnt. Für die Busfahrt benötigt man sage und schreibe 7-9 Stunden. Aus 2 einfachen Gründen: 1. Es gibt nur eine Straße aus Kathmandu hinaus und hinein. 2. Diese Straße ist furchtbar und obendrauf noch ziemlich gefährlich. Auf dem Weg aus der nepalesischen Hauptstadt kommt man dem steilen Abgrund doch beunruhigend nah.

Aber wie ihr euch sicherlich denken könnt, ich lebe noch. 😉 Und so bezogen wir nach unserer Ankunft erst einmal das Hotel für die kommende Nacht. Die Wanderung sollte erst tags darauf beginnen. Das war auch gut so, hatte ich doch noch immer keine Wanderschuhe. Ein paar wärmere Klamotten wären sicherlich auch nicht schlecht. Schließlich sind die Nächte auf 4100m Höhe kalt. Von der Agentur hatte ich bereits einen überdimensionalen Regenponcho und eine Regenhose (die kein einziges Mal im Einsatz war) gestellt bekommen. Wanderschuhe hatten also oberste Priorität. Glücklicherweise hatte ich Kumar dabei, der mir ein Geschäft zeigte, in dem ich relativ günstig an die Boots herankam. Am Ende entschloss ich mich für ein Paar Gebrauchte (schlappe 30€). Zusammen mit einer Art wärmenden Leggins, einer Wintermütze und Handschuhen bezahlte ich knappe 50€. Kein schlechter Deal.

Nach der Shoppingtour war es Zeit fürs Abendessen. Babu, ein weiterer Guide der Agentur der mit Andrea, ein Italiener, der mittlerweile in Australien lebt, hier war, begleitete uns. Es gab ein paar leckere nepalesische Biere zum Dhal Bhat, dem typisch nepalesischen Gericht, das ich während der Wanderung täglich zu mir nehmen sollte. Vollgestopft ging es ins Bett, voller Vorfreude, aber auch mit einer gehörigen Portion Respekt vor den kommenden Anstrengungen.

Tag 1 – Der Aufstieg beginnt: Von Nayapul (1127m) nach Tikhedhunga (1623m)

Der Hahn krähte wieder früh. Ein kurzes Frühstück und wir nahmen uns ein Taxi zu dem Mini-Örtchen namens Nayapul, am Fuße des Himalayas. Hier wird zum 1.Mal geprüft, ob man sich eine entsprechende Erlaubnis zum Wandern besorgt hat. Gleichzeitig hilft dies auch der Kontrolle. Leider hing dort eine Vermisstenanzeige eines holländischen Backpackers.

Und so ging es dann auch mit einem mulmigen Gefühl auf die Strecke. Doch das wurde gleich wieder abgelegt. In Kumar hatte ich den besten Guide den man sich wünschen kann. Zusammen mit Babu und Andrea waren wir eine echt lustige Truppe. Zum Glück war der 1. Tag auch noch nicht zu anstrengend. Es ging moderat nach oben. Ich konnte mich an den Untergrund und das Gewicht meines Rucksacks gewöhnen, das ich zusätzlich zu meinem nicht unerheblichen Eigengewicht mit hochschleppen musste. Zum Glück konnte ich einiges im Hotel in Pokhara lassen. Will man nach oben, zählt eben jedes Gramm.

Relativ schnell machten wir Halt, um unser Mittagessen zu uns zu nehmen. „Dhal Bhat Power – 24 hour“, lautete das Motto. Nach der Stärkung ging es weiter wie zuvor und wir erreichten unser Gasthaus ziemlich zeitig. Die ersten 496 Höhenmeter waren zurückgelegt. Entspannung war angesagt. Und wie soll das besser gehen, als mit einem kühlen Bier vor der idyllischen Bergkulisse. Auf dem Weg zu unserem ersten Nachtlager, hatten wir Laura und Teresa aus Deutschland kennengelernt, die uns praktisch bis zum Poon Hill und nach Tadapani an Tag 3 begleiteten…

Tag 2 – Scheiss Stufen: Von Tikhedhunga (1623m) nach Ghorepani (2861m)

Tag 2 sollte ungleich härter werden. So hart, dass nach schier endlosen Treppen einige „Alternativstrategien“ entwickelt werden mussten. Zum einen das Mantra „Fuck you“, das bei jeder Stufe laut ausgerufen werden musste, im Rhythmus „‚Fuck‘, eine Stufe hoch, ‚you‘ nächste Stufe“. Irgendwann flüchteten wir uns in Galgenhumor. So wurde der mehr als sarkastische Ausspruch „nur noch 200 Treppen“ von Andrea, zur Dauerschleife. In Wirklichkeit waren es über 6.000… Ich hatte vom Vortag gelernt und trug mittlerweile meine Badeshorts. Ich wusste vorher nicht wie sehr ein Körper schwitzen kann. Entgegen meiner Vorstellung war es auch auf über 2.000m heiss und schwül, wenn die Sonne herunter knallt und man sich unentwegt die Treppen hochquälen muss.

Aber als ich dann sah wie hier oben Steine transportiert werden, schwor ich mir spontan, mich nie wieder über irgendwelche Arbeit zu beschweren. Die schmächtigen Nepalesen stapeln eine Reihe von Steinen auf eine Vorrichtung, die dann gebuckelt und um die Stirn geschnallt wird. Hoch und runter, den ganzen Tag im Staccato – Wahnsinn! Immer wieder kamen uns auch Esel entgegen (oder überholten uns), die die ganz schweren Sachen, wie Gasflaschen, transportieren müssen.

Durchgeschwitzt und mit brennender Oberschenkelmuskulatur war es Zeit für die nächste Dhal-Bhat-Stärkung und eine kleine Mittagspause. Innerhalb von wenigen Minuten zog sich dabei das Wetter so zu, dass man bald kaum noch die eigene Hand vor dem Gesicht sehen konnte. Im dichten Nebel machten wir uns wieder auf, das letzte Teilstück bis nach Ghorepani zu laufen. Man merkte dort sofort, dass das Dörfchen ein Knotenpunkt für alle Wandertouren im Annapurna Gebiet ist. Unser Gasthaus war mehr Hotel und am Abend herrschte trotz Nebensaison reger Betrieb im Speisezimmer. Grund für die Beliebtheit Ghorepanis ist der nahegelegene Poon Hill. Von dort hat man, bei klarem Wetter, einen tollen Panoramablick auf die umliegenden Gipfel der Himmalya-Riesen.

Tag 3 – Poon Hill (3210m) und Trek von Ghorepani (2861m) nach Tadapani (2647m)

Die Beine schmerzten noch immer ein wenig, doch der Wecker blieb unerbittlich. Um kurz nach 4 Uhr schreite mich mein Handy aus dem Tiefschlaf. Wir wollten noch vor Sonnenuntergang den Gipfel des Poon Hills erreichen, um dann dort oben die ersten Sonnenstrahlen begrüßen zu können. Irgendwie quälte ich mich aus meinem warmen, gemütlichen Bett. Dick eingepackt traf ich die anderen draußen vor dem Hotel. Der Sternenhimmel war glasklar. Beste Voraussetzungen also, um das Bergpanorama genießen zu können. Doch vor dem Genuss hat Gott bekanntlich die Arbeit gesetzt. Wieder diese sch… Stufen und das um diese unchristliche Zeit. Wenigstens konnten wir unsere Rucksäcke im Gasthaus lassen, da wir wieder zurückkehren sollten, um zu frühstücken und unsere Wanderroute fortzusetzen.

Da denkt man schon, ohne die schwere Last auf dem Rücken, geht man die Stufen (fast) von alleine hoch. Doch weit gefehlt! Zum einen sind da immer noch die fast 95kg Eigengewicht, die ich hochwuchten musste. Zum anderen bleiben eine Trillion Stufen immer noch EINE T-R-I-L-L-I-O-N!!! Und dann zog sich auch noch das Wetter zu. Es wurde immer nebliger und innerlich fluchte ich schon: „Jetzt bin ich die ganzen Treppen hochgelaufen, im Dunkeln, um halb 5 Morgens, um nichts zu sehen?! Danke für Nichts!“ Oben angekommen auf 3210m ging es direkt zur Kaffeebude. Im stilechten Alubecher, genoss ich den Blick auf die (noch) dunklen Berge, die langsam aber sicher aus den Wolken hervorzutreten schienen. Vielleicht wird es ja doch noch was mit einem Blick auf die Gipfel…

Und was soll ich sagen. Die dichten Wolken verschwanden nach und nach mit jedem Sonnenstrahl. Es offenbarte sich uns ein buchstäblicher Panoramablick auf die Bergriesen des Annapurna Gebietes. Das lag mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit am „Wolken-Verpisst-Euch-Tanz“ von Andrea und mir. Für alle Interessierten: einfach mit den Armen die Wolken imaginär wegwedeln und dabei wie ein Bekloppter auf einem Bein hin und her springen. Nach der erfolgreichen Wolkenvertreibung blieb nur noch absolute Gänsehaut übrig. Man bekommt nicht genug von diesem Blick. Einfach unwirklich, wirkt es eher wie ein überdimensionales Poster. Doch alles war real, keine Wand und kein Poster. Wir starteten eine Fotosession. Wie oft kommt man schon hier hoch und hat auch noch klare Sicht? Seht her:

Zurück im Hotel nahmen wir unser dringend benötigtes Frühstück zu uns. Glücklich über Wetter und vor allem dem Erlebten machten wir uns auf den Weg. Der Rucksack wieder auf dem Rücken lagen zur Abwechslung tausende Stufen vor uns. Zum Glück hatten wir ja unser Mantra. Und nach dem 1. harten bergauf Teil wurde es ein wenig leichter. Kumar nennt das dann „Nepalese flat“, wenn es „leicht“ bergauf und bergab geht. Ok, für ihn sind die Berge hier unter 5.000m auch keine Berge sonder Hügel. Es kommt eben immer auch auf die Perspektive des Betrachters an…

Das „flache“ Teilstück führte uns durch einen recht tropischen Wald, vorbei an zahlreichen Wasserfällen. Dabei sahen wir Affen, die sich an den fernen Baumwipfeln entlang hangelten. Es war sehr heiss und schwül, der Schweiss lief also wieder in Strömen. Da kam es mir gelegen, dass es während des letzten Teilstücks, an dem es wieder steil bergauf ging, anfing zu regnen. Am Anfang zumindest. Denn der Regen wurde immer stärker und stärker. So mussten wir spontan unsere Pläne ändern und unsere Wanderung für diesen Tag etwas früher beenden. Wir blieben die Nacht in Tadapani. Ein Gutes hatte es, Kumar und ich hätten uns hier eigentlich von Babu und Andrea sowie von Laura und Teresa getrennt, da die vier auf einem kürzeren Trip unterwegs waren. Wir hatten also noch einen gemeinsamen Abend, auf den wir mit nepalesischen Wein gebührend anstießen (Wein ist eine eher unzureichende Bezeichnung für dieses Getränk; im Prinzip ist es Schnaps)…

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