Von Gandhi zu 007 – Meine ersten Tage in Indien

Von Bangkok nach Mumbai

Es war an der Zeit Südostasien den Rücken zu kehren, um im Orient die letzten Wochen meiner Reise anzugehen. Gegen 3 Uhr morgens bekam ich am int. Flughafen Bangkok meinen Ausreisestempel, ein paar Stunden nach Ablauf meines 30-tägigen Visums und daher mit einem Vermerk. Auf dem Weg nach Mumbai musste ich einen Zwischenstopp in Kalkutta einlegen, im Südwesten Indiens. Dort durfte ich die indische Einreiseprozedur über mich ergehen lasen, nur um dann zu meinem Anschlussflug nach Mumbai hetzten zu müssen.

Auch 11 Monate reisen um den Globus konnten mich nicht auf den Kulturschock in der Mega-Metropole vorbereiten. Schon als die Schiebetüren vom Flughafen aufgingen war alles laut, überfüllt und hektisch. Ich nahm ein Taxi in das nahegelegene Hostel und legte ein ausgiebiges Nachmittagsschläfchen ein. Kurz raus, etwas essen, eine wohltuende Dusche und mein 1. Tag in Indien war gelaufen. Ich hatte schlicht nicht den Antrieb mich den Straßen Mumbais auszusetzen.

Am 2. Tag war dann ein wenig Sightseeing eingeplant. Mit Tim und Julia aus Deutschland wollte ich, vom Gate of India und Taj Mahal Hotel ausgehend, ein wenig die Stadt anschauen. Auf einen Besuch der Elefantenhöhlen mussten wir verzichten. Leider fahren Montags keine Fähren auf die nahegelegne Insel.

Um unseren Sightseeing Trip zu beschreiben, eine kurze Info vorweg: in Indien ist gerade Monsunzeit, was sich vor allem im Süden und an den Küsten auf das Wetter auswirkt. Noch trocken als wir uns auf den Weg machten, regnete es sich pünktlich am Gate of India ein. So fiel die Sightseeing Tour sprichwörtlich ins Wasser. Wir begutachteten kurz den Hafen und mussten uns dann den Weg zurück ins Trockene bahnen, aufgehalten von fotowütigen Indern, die nicht aufhören wollten Bilder mit uns zu machen.

Trotz des Wetters war selbst der Weg vom Hostel an die Südspitze Mumbais und zurück schon die Reise wert. Unser Hostel und das Gate of India liegen mehr als 20km auseinander. Das allein lässt auf die brutalen Dimensionen dieser Metropole schließen. Der 1. Teil mit der Metro war noch relativ entspannt. Das 2. Teilstück mit dem lokalen Zug bot dann eine echte „Indien-Erfahrung“. Ich habe noch nie so einen vollen Zug gesehen. Vollgestopft bis auf den letzten Millimeter der hintersten Ecke steht man dort eingequetscht und wartet bis man endlich wieder aussteigen kann. Das ist aber alles andere als einfach. Positioniert man sich nicht mindestens 2 Haltestellen vorher in der Nähe des Ausgangs, hat man keine Chance (gerade während den Stoßzeiten) auszusteigen. Menschenmassen nehmen Anlauf um aus dem Zug herauszuspringen, während gleichzeitig vom Bahnsteig hineingedrängt wird, ohne Rücksicht auf Verluste.

Zurück im Hostel lernte ich einen indischen Koch kennen, der zur Zeit in Italien arbeitet. Ein Glücksfall, konnte er mir doch ein wenig die indische Küche näher bringen. Wir liefen ein wenig durch die Straßen und aßen das typischen Streetfood Mumbais, eine Art frittiertes Bällchen, gefüllt mit Gemüse, Kartoffeln und leicht scharfen Gewürzen, serviert in einem Weißbrotbrötchen. Sehr lecker und super billig (den Namen habe ich leider vergessen).

Das Bus-Desaster

Da ich für ein Zugticket zu spät dran war (in Indien sollte man alles mindestens 2 Tage im Voraus buchen, zu viele Menschen = zu große Nachfrage ;)), buchte ich im Hostel ein Busticket nach Ahmedabad. Über Nacht sollte es im Sleeper-Bus mit Klimaanlage gen Norden und weiter ins Landesinnere gehen. Abfahrtszeit: 22:15Uhr. Leider war um 23Uhr immer noch kein Bus in Sicht. Ich stand im Dunkeln, am Rande einer Stadtautobahn, ohne funktionierendes Handy und wäre vollkommen aufgeschmissen gewesen, hätte mir nicht ein super freundliches indisches Pärchen geholfen. Zunächst versuchten sie die Busgesellschaft zu erreichen. Nach endloser Suche nach einer Nummer, hatten wir dann auch jemanden an der Strippe. Der Bus sei schon abgefahren, übermittelte die Hotlinetante die schockierenden News. Ich hätte am falschen Ort gewartet. Allerdings stand ich direkt unter der Markise der Travelagentur, vor der mich der Bus laut Ticket 1 Stunde zuvor hätte abholen sollen. Ok, wir brauchen einen Plan B. Also versicherte die Hotlinetante meinen indischen Engeln, der Bus würde an einer anderen Haltestelle auf mich warten. Zum Glück konnte ich im Bus meiner neuen Freunde mitfahren, die ebenfalls nach Ahmedabad aufbrachen, mit dem kleinen aber feinen Unterschied, dass ihr Bus pünktlich um 23.15Uhr aufkreuzte. Da ihr Bus auch an besagter Haltestelle vorbeifuhr, an der mein eigentliches Gefährt auf mich warten sollte, nahm man mich freundlicherweise mit. Ich pustete ein klein wenig durch, immer noch etwas skeptisch und leicht angespannt. Ich sollte Recht behalten. 5 min später rief die Hotlinetante wieder an und fragte wo ich sei. Plötzlich meinte sie, der Bus würde gar nicht an besagter Haltestelle warten sondern irgendwo anders. Ich hatte keine andere Wahl als zu hoffen, mein aktueller Bus nimmt mich mit bis Ahmedabad. Am Ende musste ich knapp 5€ (zu den 15€ für den anderen Bus) bezahlen und konnte auf einem normalen Sitz ohne Klima, bis in Gandhis Ashram-Stadt fahren. Natürlich brauchte dieser viel länger, inklusive Reifenwechsel und hielt etwa 6km außerhalb der Stadt. So musste ich per Rikscha-Taxi zum Hotel fahren, natürlich nicht ohne kräftigen Touri-Aufschlag. Mir war es mittlerweile egal, ich wollte einfach nur noch ins Hotel, duschen und ab ins Bett.

Endlich Ahmedabad

Da es dort keine Hostel gab, gönnte ich mir ein privates Hotelzimmer mit Doppelbett. Sehr angenehm zur Abwechslung mal seine Ruhe zu haben. Bereits vor dem Check-in sprach mich Jagdish an, der Besitzer eines Klamottenladens direkt neben dem Hotel. Jagdish war alles in einem, Tour Guide, Travel Agentur und Klamottenverkäufer. Auch wenn er super freundlich wirkte, war ich sehr skeptisch. In Indien wird man einfach überall und von jedem angequatscht. Die Standardfrage lautet dabei: „Where are you from?“ oder alternativ, „What country?“. Daraus machen wir uns mittlerweile einen Spaß und antworten von Island bis Nigeria mit jedem Land, das uns gerade in den Sinn kommt.

Ich wimmelte Jagdish ab und machte es mir auf meinem Kingsize-Bett gemütlich, bevor ich am späten Nachmittag zum Bahnhof lief um mir ein Zugticket nach Udaipur, meinem nächsten Ziel, zu besorgen. Der Zug ist hoffentlich vertrauenswürdiger, sagte ich mir. Aber irgendwie soll es in Indien nicht so recht klappen mit dem Schienentransport. Auf Grund des Monsuns wurden alle Züge gecancelt. Ich verschob die weitere Reiseplanung zunächst und machte mir einen gemütlichen Filmeabend. Alles weitere wird sich morgen schon irgendwie ergeben.

 On Tour mit Jagdish

Ich entschloss mich dem betagten, freundlichen Inder Vertrauen zu schenken und mit ihm die Stadt zu erkunden. Er half mir außerdem ein Busticket zu besorgen und eine indische Sim-Karte zu kaufen. Das mit der Sim-Karte hört sich einfacher an als man denkt. Wir gingen in den gegenüberliegenden Vodafone Shop. Benötigte Ausrüstung: Reisepass, 2 Passbilder, Bestätigung vom Hotel, dass man auch wirklich dort wohnt, Kopie des Visums plus jede Menge zusätzlicher Infos. Etwa den Namen des Vaters oder die Heimatadresse. Dazu muss man wissen, in Indien werden Adressen immer mit sog. „landmarks“ angegeben, im Sinne von „Straße soundso in der Nähe von xy“. Ich musste den staunenden Vodafone-Männern also erklären, dass der Burgunderweg in einem 4000 Seelen Dörfchen liegt. Als „Landmark“ kann hier höchstens die Kirche herhalten. Aber es war die Mühe wert, einige Stunden später war die Karte aktiviert!

Es konnte losgehen. Jagdish zeigte mir „seine“ Stadt. Im Grunde besuchten wir fast alle Hindu-Tempel und Moscheen der Innenstadt, was durchaus sehr interessant war. Mein Highlight aber war das Fort, direkt vor dem Markt gelegen. Dort kann man Kühe, Ziegen und Elefanten sehen, wie sie sich wie selbstverständlich ihren weg durch die Menge bahnen. Zu meinem Erstaunen kreisen dort auch jede Menge Adler über dem Fleischmarkt. Einer gesellte sich sogar am Fort zu uns und nahm 10m von uns entfernt, auf einer Mauer platz. Anschließend besuchten wir Gandhis Ashram „Sabarmati“ , in dem er 12 Jahre lang lebte (1918-1930) und den gewaltlosen Widerstand gegen die britische Besatzung organisierte. Zum Abschluss kehrten wir zu Jagdishs fast 200 Jahre alten Haus zurück, wo wir auf dem Küchenboden zu Abend aßen. Dort ist alles sehr rudimentär, die „Küche“ bietet eigentlich nur Geschirr. Es gibt keinen Herd oder ähnliche Annehmlichkeiten. Unser Mahl wurde von seiner Schwester bei ihr zu Hause gekocht, die das Essen dann bei Jagdish ablieferte. Es war zwar ziemlich lecker, es sollte sich am nächsten Morgen aber leider herausstellen, dass mein Magen es nicht ganz so toll fand. Als ich am frühen Morgen aufwachte, grummelte mein Magen bereits bedrohlich und ich fühlte mich leicht fiebrig. Ich schleppte mich wenig später zum Bus und fuhr nach Udaipur. Wieder ohne Klimaanlage (bei der Affenhitze), aber dieses Mal pünktlich und im richtigen Gefährt.

[supsystic-gallery id=51 position=center]

Octopussy-Town

Das gleiche Szenario wie in Ahmedabad. Der Bus stoppte wieder etwas außerhalb, per Rikscha ging es zum Hostel, wo ich bis zum nächsten Morgen durchschlief. Ich fühlte mich schon etwas besser. In der Lobby traf ich auf Andrea (Mexiko), Sol (Frankreich), Johannes (Mannheim) und Nicolas (Belgien), die ich spontan zu einer Bootsfahrt auf dem anliegenden See begleitete. Wir hatten einen perfekten Blick auf die Stadt und das „Insel-Hotel“, auf der der James Bond Film „Octopussy“ gedreht wurde. Nach der Tour gingen wir direkt zu einem Hotel direkt neben unserer Bleibe. Dort konnte man für umgerechnet 2,70€ den ganzen Tag den Dachterassen-Pool genießen. Garniert mit einem tollen Blick über Udaipur und den See.

Um ehrlich zu sein ist Udaipur der 1. Ort, der mir wirklich gefällt in Indien. Die alten Gebäude mit ihren Dachterassen direkt um den See, geben der Stadt einen besonderen Flair. Alles ist hier ein wenig relaxter und ruhiger (für indische Verhältnisse). Und auch mein Hostel war super. Ein tolles Gebäude mit Seeblick und ein super-freundliches Personal.

An Tag 3 in Udaipur stand der Stadtpalast samt Museum auf dem Programm. Auch ganz interessant und wieder mit herrlicher Aussicht. Und dann erreichte der Monsun-Regen auch Udaipur. Es schüttete wie aus Eimern. Mehr als Abendessen und entspannen im Hostel war da nicht drin. Was auch ganz gut war, fuhr doch der Bus nach Jodhpur am nächsten Morgen um 6Uhr ab. Ich reiste zusammen mit Sol und Nicholas weiter in die „blaue Stadt“. So war zumindest der Plan. Nicolas hatte es so schlimm erwischt, dass er die Nacht mehr im Bad als im Bett verbrachte. Vorsicht, sehr ekelhaft: als er sich das 1.Mal übergeben musste, fand er lebende Würmer darin. Er nahm also einen späteren Bus, um sich noch etwas mehr erholen zu können. So waren Sol und ich bereits um die Mittagszeit in unserem Guesthouse. Nicolas stieß am Abend dazu.

[supsystic-gallery id=52 position=center]

post a comment